Ein Gastbeitrag von Ulf Kepper

Ich habe über 27 Jahre eine klassische Manager Karriere hingelegt. Vom IT Projektleiter bis in die Vorstandsetage eines internationalen Konzerns mit 12.000 Mitarbeitern. Es ging eigentlich nur aufwärts. Vor 7 Jahren kam dann allerdings der Burnout. Nach 5 Monaten bin ich wieder in den Job zurückgekehrt und es ging fast so weiter wie vorher. Schon ganz schön was gelernt bei dem Crash, aber eben auch nicht so richtig. Und so bahnte sich über die nächsten Jahre so langsam aber sicher wieder der nächste Burnout an. Glücklicherweise habe ich kurz davor noch die Kurve gekriegt. Das ist eine andere Geschichte, heute möchte ich gerne über ein Phänomen schreiben, das ich schon vor der ersten Burnout an mir beobachtete – die Vergesslichkeit: 

„Das hast du mich doch gestern schon gefragt!“ Das hatte ich in der letzten Zeit in meinem Job immer öfter gehört. Ich vergaß ständig Dinge, auch wichtige. Ich hatte mir über die Zeit sogar schon Strategien zurechtgelegt, wie ich darauf reagieren würde, um nicht ganz so blöd dabei auszusehen. Da kamen dann schonmal ab und zu die Sorge auf, ob das noch normal ist. Vielleicht sollte ich doch mal regelmäßig Ginkgo nehmen. Ein anderer möglicher Erklärungsversuch neben Krankheit oder Vitaminmangel war für mich die enorme Aufgabenflut, die ich in meinem Job als Manager zu bewältigen hatte. Einen Call nach dem anderen mit unterschiedlichsten Themen und Teilnehmern, viel zu viele E-Mails, größere konzeptionelle Arbeiten, für die keine Zeit blieb, und dann am Donnerstag noch die Präsentation, für dich ich noch nichts gemacht hatte. 

Das Phänomen des Vergessens war aber nicht nur auf die Arbeit beschränkt. Auch im privaten Umfeld merkte ich mehr und mehr, dass ich Dinge vergaß oder mir Namen immer schwerer merken konnte. Die Lösung lag also darin, möglichst alles aufzuschreiben und sich für alle wichtige Dinge Merker in den Kalender zu setzen. OneNote, elektronischer Kalender und iPhone wurden überlebenswichtig.

Aber was war da los? Wie kam es zur dieser Entwicklung, denn ich habe doch früher auch nichts vergessen. Ok, auswendig lernen konnte ich nie gut, aber gestern vereinbarte Termine vergessen – das geht gar nicht. Im Rückblick – ich habe meinen Job vor einem Jahr aufgegeben – würde ich sagen: Völlige Überlastung des Gehirns. Memory Overflow, wie der Informatiker in mir sagen würde. 

Ich kann mich noch gut an etwas zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn erinnern. Ich sollte ein Meeting organisieren. E-Mail war noch nicht. Ich habe geschätzt drei Stunden gebraucht, um die Teilnehmer unter einen Hut zu bekommen. Die gleiche Aufgabe kostet mich heute 20 Sekunden: Teilnehmer und Raum in Outlook eingeben, freie Zeit suchen, Termin auswählen – fertig. Und so hat sich das mit vielen Themen verändert. Dinge, die früher viel länger brauchten, sind durch die technologisch bedingten Möglichkeiten heute ruck, zuck erledigt. Die Anzahl der von mir am Tag erledigten Aufgaben hat sich in den 27 Jahren exponentiell gesteigert. 

Der Erhöhung der Aufgabenlast in den letzten Jahren wird also vermeintlich durch ein Anwachsen der technischen Möglichkeiten bewältigt. Die Frage aber ist nun: Wie gehe ich mit diesen Möglichkeiten um. Welche Verhaltensentscheidung treffe ich in jeder einzelnen Situation. 

  • Höre ich bei der Präsentation meines Kollegen mit voller Aufmerksamkeit zu, oder lese ich dabei meine E-Mails und die neuesten Nachrichten    
  • Bin ich beim Mitarbeitergespräch mit meiner vollen Aufmerksamkeit bei meinem Gegenüber und höre wirklich zu. Oder bin ich mit meinen Gedanken schon wieder bei nächsten Termin, für den ich noch dringend etwas vorzubereiten habe. 
  • Bin ich beim Fußballspiel der Bayern gegen Dortmund im Fernsehen 90 Minuten voll und ganz dabei oder greife ich zum Handy sobald eine Verletzungspause das Spiel länger als 15 Sekunden unterbricht. 
  • Höre ich meinen Kindern beim Abendessen bei Ihren Tageserlebnissen konzentriert zu oder bin ich mit den Gedanken bei „viel wichtigeren“ Problemen im Job
  • Aber auch: Genieße ich beim Frühstück jeden Bissen meines Nutella Brötchens und schmecke den Nougat oder weiß ich später gar nicht mehr, was ich auf dem Brötchen hatte, da ich parallel zum Essen meine Zeitung gelesen habe. 

Jeder von uns kennt unzählige Beispiele wie diese, die letztlich versuchen, der vermeintlichen Langeweile auszuweichen oder möglichst effizient zu sein. Nur – ist das wirklich effizient, wenn ich ständig zwischen Aufgaben hin- und herschalte, wenn der Rechner mal wieder für 10 Sekunden hängt? Studien haben gezeigt, dass das Multitasking überhaupt nicht effizient ist. Je nach Komplexität kann das Hin- und Herschalten zwischen Aufgaben den Gesamtaufwand um den Faktor 10 verlängern. Es kosten unglaublich viel Energie und Zeit sich immer wieder auf die hin- und herwechselnden Aufgaben einzustellen.

Der überwältigenden Arbeitslast durch Multitasking Herr zu werden funktioniert also aus Sicht der Zeitersparnis nicht. Aber viel schlimmer ist doch, dass man durch das ständige parallele Tun über die Zeit in eine Welt der Oberflächlichkeit abgleitet, bei dem nichts mehr mit Tiefe bedient wird. Ist es dann überraschend, dass man sich nichts mehr merken kann, wenn man sich auf nichts mehr richtig einlässt?  Man ist ja nur noch wie ein Stein beim Hüpfen an der Wasseroberfläche unterwegs!

Multitasking allein erklärt aber auch nicht alles. Selbst als ich die 50 Mails, die auf mich warteten, nacheinander bearbeitete, war ich vor solchen Reaktionen nicht gefeit: „Kannst du bitte mein Mail nochmal richtig lesen!“ Denn ich hatte nach dem schnellen Überfliegen einer Mail eine Nachfrage zurückgeschickt, die aber bereits im Mail beantwortet war – peinlich. Oberflächlichkeit geht also auch ohne Multitasking.

Es geht also nicht nur um den Durchsatz, sondern auch um die Qualität von dem, was wir tun. Nehmen wir das Beispiel der Präsentation des Kollegen von vorhin. Wenn ich mir vornehme, die ganze Präsentation mit vollster Aufmerksamkeit zu verfolgen, dann merke ich am Ende, dass

  • ich alles so gut verstanden habe, dass ich auch vernünftige Fragen stellen kann.
  • sich das Gelernte auch wirklich setzen kann und man es nicht gleich wieder vergisst.
  • es sich am Ende einfach viel besser anfühlt, weil man sich voll auf diese eine Sache eingelassen hat.
  • die Zeit viel schneller vergeht, weil die Präsentation viel interessanter ist, wenn man wirklich zuhört.  
  • ich meinem Kollegen damit die Wertschätzung und den Respekt für seine Arbeit und Vorbereitung zolle, die er verdient.

Das alles hier lässt sich doch am besten mit dem großen Zauberwort beschreiben: Achtsamkeit. 

Wenn du Achtsamkeit übst, dann bist du mit deiner vollen Aufmerksamkeit bei den Dingen, die du gerade tust. Achtsamkeit ist der Schlüssel, um von der Oberflächlichkeit weg hin zur Tiefe und damit zu mehr Zufriedenheit zu gelangen. Sicherlich darf man sich zu Beginn nicht vornehmen, den ganzen Tag in voller Achtsamkeit unterwegs zu sein. Fang klein an. Ich habe zum Beispiel begonnen, beim Duschen ganz genau zu beobachten, was ich gerade tue: linken Arm einseifen, dann den Bauch, dann rechten Arm und so weiter. Und auch beim Abtrocken ganz bewusst jeden Schritt dabei zu verfolgen. Klingt einfach – ist es aber nicht. Probiere es mal. Oder nimm das oben erwähnte Marmeladen oder Nutella Brötchen und mache nichts anderes als nur genau „Hinzuschmecken“. Wie schmeckt das genau. Was nehme ich am Anfang wahr, was beim Kauen, und was nach dem Herunterschlucken. Dabei nichts lesen, keine Musik hören, nicht reden – einfach nur das tun, was du tust: Essen. 

Oder versuch bei der nächsten Unterhaltung mit einem Freund oder Bekannten nur auf diesen Menschen zu achten und sich voll auf das Gespräch einzulassen; nicht die Gedanken schon wieder irgendwo anders hin entgleiten zu lassen. Für dich wird es ein viel intensiveres Erlebnis sein und auch dein Gegenüber wird diese Wertschätzung, die du ihm zuteilwerden lässt, sicher dankbar wahrnehmen.  

Wenn man diese kleinen Dinge immer mal wieder über den Tag einstreut, dann merkt man zunehmend, wieviel mehr Tiefgang und Bedeutung die kleinen Dinge bekommen. Das hat mich motiviert, die Achtsamkeit über den Tag hinweg stückchenweise auszudehnen. Und ebenso schrittweise stellt sich mehr und mehr eine tiefe Zufriedenheit ein. 

Wie sagte Ajan Brahm in seinem Buch „Die Kuh, die weinte“ schon: 

  • Welches ist der wichtigste Moment: Jetzt!
  • Wer ist der wichtigste Mensch: Der, mit dem du gerade zusammen bist. Und wenn du allein bist, dann bist du der wichtigste Mensch.

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