Ein Gastbeitrag von Angelika

Von außen betrachtet läuft alles perfekt. Zwei wundervolle Kinder, ein gut aussehender Ehemann in Führungsposition. Ein Teilzeitjob mit jeder Menge Gestaltungsfreiraum, netten Kollegen und einer noch netteren Chefin. Dazu die Selbständigkeit, die mit immer wieder spannenden Projekten aufwartet und mir die Möglichkeit gibt, mit dem Who is Who unserer Stadt und unseres Bundeslandes zu netzwerken. Als freie Redakteurin ist man immer dabei, ganz nah dran und von vielen geschätzt. Alle sind freundlich, sie spekulieren auf eine positive Berichterstattung. Der Job sieht leicht aus. Schließlich arbeitet man dort, wo andere feiern oder etwas Spannendes passiert. Man macht ein paar Fotos, fertig. Doch so fühlt es sich nicht an. Schon lange nicht mehr.

Es ist ähnlich wie in einer Vorlesung – man lauscht jedem Wort, schreibt akribisch mit, versucht die wichtigsten Momente fotografisch festzuhalten. Ganz zu schweigen davon, dass man nach dem Termin oder am nächsten Tag nochmal soviel Zeit verbringt, um den entsprechenden Pressetext zu verfassen, Fotos auszuwählen und zu bearbeiten. Und so läppern sich die Stunden, die keiner sieht. Nicht einmal der eigene Ehemann. Ich gehe ja nur Teilzeit arbeiten. Mit dem Aufbau des Netzwerks vermehren sich die Anfragen. Hier noch ein Pressetermin, dort noch ein kleiner Auftrag. Kein Problem, wird erledigt.

Im Juni geht es los. Das Gefühl der Ohnmacht. Gepaart mit dem Eindruck, diese nur für eine gewisse Phase überstehen zu müssen, bis sich die Auftragslage wieder normalisiert. Doch das tut sie nicht. In pressearmen Zeiten, dem Sommerloch, ist endlich Zeit für größere Projekte. Schon ist der Sommer vorbei und die politischen und öffentlichen Termine nehmen wieder zu. In der Regel 4 bis 6 Termine in der Woche – vorzugsweise abends und an den Wochenenden. Zusätzlich zu dem festen Teizeitjob und einem Rahmenvertrag.

Dann wird die Kollegin schwanger. Große Freude, aber auch großes Bangen. Wer macht die Arbeit? Findet sich eine gute Vertretung? Sie findet sich. Allerdings nicht für den vollen Stundenumfang. Ob ich übergangsweise meinen Vertrag um fünf Stunden erhöhen würde, um einen abgegrenzten Aufgabenbereich zu übernehmen? Kein Problem, wird erledigt.

Wenige Wochen später wieder das Gefühl der Ohnmacht. Es ist Ende November, das Weihnachtsgeschäft in vollem Gange und die Kunden in dem Erwarten, dass alle offenen Arbeiten bis Weihnachten abgeschlossen sein müssen. Als ob es keinen Januar gäbe.

Termine werden jongliert, die Kinderbetreuung wird aufgeteilt. Immer häufiger sehe ich die Kinder gar nicht mehr, nach der Arbeit im Büro geht es direkt zum Pressetermin, von da aus an den Schreibtisch. Immer häufiger kommt es vor, dass ich nach einem 12-Stunden-Tag keinen geraden Satz mehr rausbringe. Mein Kopf ist leer. Nur Schreiben kann er noch. Ob das nun Fluch oder Segen ist, ist mir bis heute nicht klar.

Mein Smartphone ist mein bester Freund. Es verwaltet meine Termine und spuckt auf kurze Nachrichten an den Ehemann, ob ich heute nach der Arbeit noch einen spontanen Termin wahrnehmen kann ein knappes „OK“ aus.

Die letzten beiden Wochen vor Weihnachten sind dir reinste Hetze. Jeden Tag Termine, Fristen und neue Termine. Wie ein Marathon-Läufer schleppe ich mich mit letzter Kraft in die Zielgerade, den 23. Dezember. Eine Woche Urlaub. Zeit für die Kinder, Zeit zum Erholen.

Zeit um zu merken, dass der Kopf schmerzt, die Hände taub werden und das Herz stolpert. Und dass man irgendwie verlernt hat, mit den Kindern zu spielen.

Wann war denn in den letzten Wochen und Monaten schon mal mehr als ein paar Minuten Zeit zum Spielen? Immer saß der nächste Termin oder die anstehende Deadline zur Abgabe des Pressetextes im Nacken. Wenn es der Anlass erlaubte, nahm ich die Kinder mit zu den Terminen. „Süß“ fanden die anderen das. Normal fand ich das. Und traurig finde ich das im Nachhinein.

Die Woche fernab von PC und Kalender schafft erstaunliches. Ich fühle mich gut, der Kopf ist wieder frei. Ich bin bereit für das neue Jahr. Weihnachten ist vorbei, das Jahr wird ruhig anlaufen.

Tut es nicht. Neujahrsempfänge, Jahresauftaktveranstaltungen, nachgeholte Weihnachtsfeiern. „Januar ist der neue Dezember“, sagt eine Kollegin. Recht hat sie. Erneut renne ich im Hamsterrad, plane zig Termine und arbeite bis zum Umfallen. Ich fühle mich wie im Dezember, erschöpft und unfähig wieder zu Kräften zu kommen. Dabei ist der Weihnachtsurlaub erst drei Wochen her.

Als ich gerade wieder mit dem digitalen Terminkalender und meinem Mann zusammensitze, um Termine und Kinderbetreuung für die kommende Woche zu planen, ist es soweit. Ich starre auf meinen Kalender und realisiere: Das pack ich nicht. Ich bin unfähig, auch nur einen einzigen Termin mehr wahrzunehmen. Regelrechte Panik steigt in mir auf, mir kommen die Tränen. Wie soll ich das schaffen?

Mein Mann versteht nicht, was gerade mit mir passiert. Ich arbeite doch nur Teilzeit. Analytisch, wie er ist, holt er Zettel und Stift und zeichnet Säulen. Wie viele Stunden arbeite ich für welchen Kunden? Wie viele Stunden kommen im Schnitt für die freie Pressearbeit dazu? Langsam versteht er. Für mich verschlimmert das die Situation nur noch. Mein Dilemma ist nun visualisiert, dadurch scheint es mir noch realer und aussichtsloser.

Bei aller Loyalität meinen Kunden gegenüber muss ich die Reißleine ziehen. Am nächsten Tag sitze ich bei meinem Arzt und erkläre ihm grob die Lage. Ich brauche eine Woche zum Luft holen und Kräfte sammeln, sage ich. Er sagt, er kann mit Medikamenten unterstützen, eine Woche wird nicht reichen. Die Lösung müsse ich selbst finden. Abwegen, wie es weitergehen soll. Die Kinder und das eigene Leben dabei im Blick haben. Weitermachen wie bisher sei keine Option. Schlaganfall oder Depressionen wären die Konsequenz.

Womit ich nicht gerechnet habe: Die Tabletten helfen mir wirklich. Sie hüllen mich ein. Sorgen dafür, dass ich Schlaf nachhole, den ich wochenlang vermisst habe ohne es zu merken. Sie schaffen es sogar, dass ich mich mühelos bei meinen Kunden „für einige Zeit“ krankmelde, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Tagelang verbringe ich auf der Couch. Kein Hobby, kein Buch und kein Fernsehprogramm können mich locken. Ich liege einfach nur da, denke nicht einmal nach.

Wenn die Kinder im Bett sind, will mein Mann mit mir Gespräche führen, wie es nun weitergehen soll. Das überfordert mich. Ich will keine Entscheidung treffen, und wenn sie noch so deutlich auf der Hand liegt. Noch nicht.

Dann tue ich es, als er auf Arbeit ist. Ich setze mich an meinen Computer. Allein das Aufrufen des Email-Programms führt zu erneutem Herzrasen und Schweißausbrüchen. Ich tippe eine E-Mail an die Redaktion, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zur Verfügung stehen kann. Was ich noch vor zwei Wochen niemals für möglich gehalten habe, löst eine Welle der Erleichterung bei mir aus. Wie der wortwörtliche Stein, der mir von Herzen fällt oder die Last, die von meinen Schultern genommen wird.

Auf einem Schlag bin ich 15 Arbeitsstunden pro Woche leichter. Nie wieder nach Feierabend arbeiten. Endlich ein ganzes Wochenende am Stück genießen.

Ich gehe zur Bibliothek, entleihe mir Ratgeber für ein achtsames Leben und schöpfe neue Schaffenskraft. Ich setzte die Tabletten ab und fühle mich sofort vitaler. Ich recherchier im Internet und beschäftige mich damit, mein Umfeld zu gestalten. Ich bin entschlossen, mein Leben wieder schön zu machen. Innen wie außen.

Auch wenn es immer wieder kleine Dämpfer gibt, bin ich heute – nur fünf Monate nach meinem Zusammenbruch – froh, diese Entscheidung getroffen zu haben. Mein Herzstolpern erinnert mich mahnend, vor jedem neuen Auftrag gründlich abzuwägen. Es gibt Situationen, die mich auch heute noch überfordern und ich überlege aktuell eine Kur zu beantragen um meinen Fortschritt weiter zu festigen. Es schwingt irgendwo in mir die leise Angst mit, dass es mich noch einmal so kalt erwischen könnte. Doch das Wichtigste habe ich – zumindest für den Moment – erreicht: ich habe mein Leben wieder.

Ich genieße Abende, die ich ganz nach meinen Vorstellungen gestalten kann und Nachmittage, die ich zusammen mit den Kindern verbringe. Ich habe nicht mehr das Gefühl, ihnen in jeder Minute, die ich mit ihnen verbringe, etwas Besonderes bieten zu müssen. Es ist wieder normal geworden, dass Mama da ist. Wir haben unseren Alltag wieder. Und ich weiß ihn mehr denn je zu schätzen.

Vielen Dank, liebe Angelika, für deinen wirklich tollen Bericht und deinen Mut, ihn an mich zu schicken. Danke, dass du deinem Impuls gefolgt bist. Wenn auch du dich mit deiner Geschichte zeigen möchtest und einen Gastbeitrag schreiben möchtest, nimm gerne Kontakt zu mir auf.

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